Hitzewelle

Hitzewelle

Es sind 33 grad in Leipzig und sowohl im Internet, als auch in seiner Analogie, dem echten Leben, benutzt man derzeit die Bezeichnung Hitzewelle.
Eine Hitzewelle ist nämlich, so informiert das Bundesministerium für Gesundheit, eine Folge mehrerer aufeinander folgender Tage mit Belastung durch hohe Temperaturen. In Deutschland beurteilt man diese durch ein Überschreiten der 28°C Schwelle. (28°C? träum)
Auch in anderen westeuropäischen Ländern überschreitet die Hitze seit Tagen die Schwelle der Erträglichkeit. Besonders betroffen sind neben Deutschland Frankreich, Spanien, das Vereinigte Königreich, Italien, die Schweiz, die Niederlande, Belgien, Luxemburg, Irland, Polen, Ungarn und Kroatien. Ungefähr 423,63 Millionen Menschen sind von der Hitzewelle betroffen, der Heatwave.

Wobei der Begriff Hitze irreführend dahingehend ist, dass er ein gewisses Temperament verheißt, dass mit heißblütig, hoch kochend und sich die Finger verbrennen assoziiert wird.
Mir raubt die Hitze nicht nur den Verstand, sondern jegliche Bewegungsfähigkeit. Während mein Körper sich stetig weiter aufheizt, hat ihn mein Geist vor ungefähr 6 Tagen verlassen, an Tag zwei der Hitzewelle. Seither sitze oder liege ich leblos mit offenen Augen und transpiriere vor mich hin. Die Lebensrealität eines Pandas erscheint mir näher als die eines Menschen, wobei, was macht Menschsein eigentlich aus? Ist Menschsein nicht einfach, Teil der Menschheit zu sein? Einer Spezies, dessen Zeit zu existieren aus galaktischen Gründen gekommen ist, um sich die Erde zu eigen zu machen, bevor ihre Zeit vorbei und als krudes Kapitel in den Geschichtsbüchern der Götter abgetan sein wird?

Eigentlich habe ich mich lange nicht mehr so sehr als Teil der Menschheit gefühlt, wie seit 6 Tagen. Wie unzählige Moleküle H2O zusammen eine Welle formen, ist meine lethargische Existenz Teil von etwas Großem. Einer Welle, die sichtbar dunkelrot über die Wetterkarten rollt, ein heißer Fön, der mich in Slow Motion durch die Tage schiebt, wie die beiden Ventilatoren, zwischen denen ich sitze, die Staubflusen durch die Luft und in meine Haare treiben. Ich denke an Stroh Bündel, die über gelb verbrannte Felder schweben unter sengend blauem Himmel und bin der Cowboy im Gras, den Hut auf dem Gesicht liegend und ein Bein aufgestellt nickernd, was soll man denn sonst machen, bei der Hitze.

Über den Ventilatoren hängen nasse Handtücher und ich bin alleine in dem Laden, in dem ich arbeite, weil wirklich niemand bei der Hitzewelle überteuerte Keramik oder Bücher kaufen geht – warum sollten sie auch, kann man auch alles online finden und mit mir ist eh nicht zu spaßen.
Weil es für mein Empfinden zu hell für eine Hitzewelle ist, setze ich eine der zum Verkauf ausgestellten Sonnenbrillen auf, eine große, rote, von dessen Modell ich mir den Namen nicht merken kann und greife zu Heike Geißlers „Michaela Kohlhaas“, weil es mit seinem roten Einband und dem zentralen Motiv des Schwertes gut in meinen Windkanal passt, den ich Savanne nenne. Ich mache ein Selfie und setze dann eine andere Brille auf, Crystal Champagne – lecker – und greife zu einem Champagner farbenen Buch mit einem Kreis auf dem Cover, in dessen Mitte ein Punkt, mich an mich selbst erinnert. „The Creative Act“ von Rick Rubin. Provokativ blättere ich darin herum, was erwartest du von mir, Rick Rubin?

Rubin ist jedoch ausgesprochen höflich. Er beschreibt Kreativität als den Kanal zwischen Input und Output, den Erwachsene sich oft zu verbauen lernen, weil sie zu sehr mit Routine und Außenwirkung beschäftigt sind. Kinder, so Rubin, sind hingegen völlig durchlässig. Sie hören etwas und sprechen es nach, malen ihre Träume und beweinen ein aufgeschürftes Knie. „Nehmen sie zur Arbeit doch einfach mal spontan einen Umweg“, fordert Rubin mich auf, ich weiß ja nicht. Trotz meiner 173 cm und der meinungsstarken Fassade, halte mich doch mehr für ein Kind als eine Erwachsene. Ich tue so, als würde my inner child sich von meiner Persönlichkeit unterscheiden, würde jedoch nie soweit gehen, mich als flexibel zu beschreiben. Wenn, dann würde ich lügen.

Ich gehe stark davon aus, dass Rick Rubin seine Kreativitäts-fibel auch nicht bei 33°C geschrieben hat, wie soll man überhaupt so schnell die Finger bewegen, bei dem Wetter?
Ich wechsle nochmal die Sonnenbrille, jetzt hellrosa und motiviert, und trinke eine 0,75l Flasche Mineralwasser leer.
Die Hintertür des Ladens, die eigentlich nur im Notfall geöffnet werden soll, steht offen, um so etwas wie Durchzug zu erzeugen. Dahinter knallt die Sonne auf einen Parkplatz, an dessen Rändern im Schatten einige Männergruppen stehen, eine leere Plastiktüte schwebt an der offenen Tür vorbei.

Rubin schreibt auch über die Bedeutung des Schlafes. „When we all fall asleep, where do we go?“, singt Billie Eilish in bury a friend. Laut Rubin nutzen wir die Zeit mit geschlossenen Augen, um tagsüber gelerntes weiter zu verarbeiten und zu verbessern. So kann es sein, dass etwa das mühsame Einüben eines Klavierstücks am nächsten Morgen mühelos läuft, wie nie und die Hände geradezu von selbst über die Tasten gleiten. Ich überlege, was mein Körper wohl nachts mit geschlossenen Augen auswendig lernt und denke, es muss das Sortiment von Kaufland sein. Mittlerweile bin ich so selbstsicher in der endlosen Kaufhalle unterwegs, dass meine Füße mich wie von selbst durch die Gänge führen…

Ich stelle mir vor, wie mein Körper nachts mit geschlossenen Augen durch die Gänge von Kaufland wandelt und das Sortiment auswendig lernt.
Mein Körper ist dabei nackt, weil ich ihn seit ungefähr zwei Wochen so bette, als hätte ich die Hitzewelle schon anrollen gespürt. So schlendere ich dann barfuß mit Augen zu durch die Schranke. Zunächst steuere ich nach links, vorbei an den Helium Ballons zu den Einkaufskörben, hinter denen die Kapern stehen. Dann gehe ich mit meinem Korb in die entgegengesetzte Richtung zum Apfelessig, durch die Obstabteilung weiter zu den Bananen, stecke rechts ein paar Kräuter ein, bevor ich die Seite des Gangs wieder wechsle um Espresso und Brot zu laden. Vor dem Brotregal ist wie immer eine Schlange. Unter den anderen Wartenden, die teilweise Pyjamas, kaputte T-Shirts oder, wie ich, gar nichts tragen, sind einige andere Hausbewohner dabei aber auch Leute aus der umliegenden Nachbarschaft, manche schnarchen.

Nach dem einganglichen Slalom erreiche ich endlich die Tiefkühlabteilung, in der ich wegen der Hitze wohl die meisten Stunden verbringe und hin und wieder ein pfirsichgeformtes tiktok Eis esse. Sortimentsbezogen interessiere ich mich nur für die Erbsen von Frosta. Seitdem ich weiß, dass der Cousin meines Freundes leidenschaftlich für Frosta arbeitet, ist der Erbsenkauf von Frosta ein warmer Familienmoment, der noch wärmer ist, seitdem Mama am Telefon erwähnte, dass Frosta auch Omas Lieblingsmarke gewesen sei. Einen anderen warmen Familienmoment dieser Art habe ich beim kurzen Innehalten vor jeder Starbucks Filiale, seitdem meine Schwester für den grünen Riesen arbeitet. Die Speisen und Getränke sprengen leider mein Budget, aber das kurze Stehenbleiben als Moment unter Geschwistern lasse ich mir nicht nehmen.


Tiefgekühlt wandele ich weiter, eine nasse Eisspur hinter mir herziehend, wie eine Schnecke, zu Parmesan, vorbei an Humus zu Mozzarella, Feta und körnigem Frischkäse. Nach einem Abstecher nach links zu Süßigkeiten und Chips, greife ich auf der rechten Seite nach Joghurt mit Flavour, Haferdrink und Eiern. Geradeaus schnappe ich mir eine Packung Klopapier und zwei Zahnbürsten in lila und grün, biege ab nach links zu meinem Sechserträger Peroni 0,0, bis ich schließlich in der Schlange zur SB-Kasse zum Stehen komme. Wartend schieben wir unsere Körbe mit nackten Füßen voran (es fällt seltsam auf wenn jemand Schuhe trägt) und ich werfe noch zwei Packungen lila Airwaves in meinen Korb. Wenn ich an der Reihe bin, ziehe ich routiniert meine Produkte über den Scanner zur wiegenden Ablagefläche scan – wiegen, scan – wiegen, scan – wiegen usw. und lasse meinen erfolgreichen Einkauf dann auf der Ablagefläche liegen, im Schlaf gibt es kein Geld. Gemächlich auftauend schlendere ich mit den anderen Nackten zurück nach Hause, wo ein Mond vergangen ist.

Tag 7 der Hitzewelle
Ein Video, dass ich gestern Abend gesehen habe, als ich mir mit auf die Stirn gebundenem Kühlpäck heimlich Instagram wieder aufs Handy geladen habe, lässt mich nicht los. Ohne Vorwarnung reingespült habe ich darin Models in dick aufgeblasene Luftanzügen mit integrierter Klimaanlage gesehen, schwarz mit drei weißen Streifen an der Seite: Ein Ausblick auf die Frühjahr/Sommer 2027 Kollektion von Rick Owens für Adidas. Rick Owens sei für seine „düsteren Avantgarde-Kollektionen“ bekannt, stand unter dem Video.
Der Cowboy in mir verschluckt sich an seinem Grashalm.

In einem anderen Video hält eine Frau in Rom Eiswürfel in der Hand, die gerade vom Himmel fielen und Dellen in Autos geschlagen haben, bei 40°C. Mit den Eiswürfeln jetzt schön übers Gesicht. Mmmhhh.
Wann, lieber Gott, wird Kim Kardashian in einem Kühlanzug von Adidas zur Met Gala gehen?
Wir haben dann gestern Abend noch WM geschaut, jedes der drei Spiele falsch getippt und tief in die Kühlpacks auf unseren Köpfen geatmet. „Wie Mentol“, haben wir gesagt und für kurze Zeit einen kühlen Kopf bekommen. Nachts dann wieder Kaufland während simultanem schwitzen ins rote Laken.

Nachdem wir 10 Stunden lang dahin geflossen sind, müde erwacht und in gleicher Position Kaffee getrunken. Hinter den rosa Vorhängen die Sonne wie eine Unbarmherzige. Ich denke an Wiesen mit Blumen und Schmetterlingen, an Flüsse und Segelboote aus einem anderen Leben. Wir reden über Gerichtsverhandlungen und Kammertermine und du erklärst mir ausführlich einen Fall, den du nächste Woche vor Gericht vertreten musst und ich kann dazu nichts genaueres Schreiben, wegen der Schweigepflicht. Dann planen wir, plötzlich motiviert, in die Stadt zu fahren, um einen Ventilator zu kaufen. Als ich aus der Dusche komme (ob ich dusche oder nicht macht eigentlich keinen großen Unterschied mehr, ich bin sowieso die ganze Zeit nass wie eine Amphibie) hast du schlechte Nachrichten. Alle Ventilatoren in Leipzig sind bereits vergriffen. Wie blöd von uns, dass wir da erst jetzt drauf kommen, einen Ventilator zu kaufen, andererseits ist es nicht anders von uns zu erwarten gewesen, sind wir doch Betroffene der Heatwave.

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