Lately im Kino

Lately im Kino

Guten Morgen, liebe early birds und liebe Amseln!

Der Kaffee kocht, die Herzen kommen langsam in Schwung, die Scheiben sind beschlagen. Die roten Ledersofas im Ladeninneren werden allmählich sicher den Plastikstühlen auf der Terrasse vorgezogen, es wird darin versunken und zu viel Kaffee getrunken und überlegt, was diese Woche so erlebt werden möchte.

Ähnlich verlockend wie die Ledersofas im Roten Salon sind zur Zeit wieder (rote) Kinosessel. Es läuft nämlich eine Menge richtig guter Filme, mit tollen Frauenfiguren in führenden Hauptrollen.

THE SUBSTANCE (Coralie Fargeat)
Heftiger film: Die Genre Beschreibung Body Horror ist auf jeden Fall Programm. Wer sich ab und an Augen und vor allem Ohren zuhält, kann trotzdem eine grandiose Geschichte erleben, die sich dem Widerstand des Jugendwahns von Schauspielerinnen in Hollywood widmet. Konsequent und grandios zu Ende gebracht kämpft darin Elizabeth Sparkle, gespielt von Demi Moore, um Ihren Platz als Star auf der Bühne der Welt…

THE ROOM NEXT DOOR (Pedro Almodóvar)
In diesem hyper artifiziellen Film geht es um zwei Freundinnen, die gemeinsam eine Reise erleben. Die Reise in ein Ferienhaus und, für eine von beiden, noch an einen ganz anderen Ort, wird theatral, fast literarisch erzählt. Wie ein alter Film oder eben im Theater, mit sehr klaren und aufgeräumten Sets, Kostümen und Figuren. Trotz der Schwere des Themas, lassen die beiden, von Julianne Moore und Tilda Swinton gespielten Protagonistinnen, sich sehr angenehm begleiten: Sie verkörpern Frauen im mittleren Alter, die wissen, was sie wollen und was sie können und kommen ohne Liebesdrama und männlichen Lebensmittelpunkt aus. Ein Film, wie eine Schneedecke: leicht und schwer, warm und kalt, sanft und fest zugleich…

ANORA (Sean Baker)
Dieses Meisterwerk ist ein Porträt von Anora, gespielt von Mikey Madison. Anora bildet den Mittelpunkt einer zeitgenössischen Pretty Woman Erzählung: Erotiktänzerin mit russischen Wurzeln in New York verliebt sich in russischen Oligarchensohn und verlässt als unabhängige Frau mit den Worten „I’m just gonna chill in my Mansion or whatever“ den Club in dem sie bisher gearbeitet hat. Die Blase kommt natürlich bald zum Platzen: Die Russen kommen und wollen die in Vegas geschlossene Ehe der Lovebirds mit allen Mitteln annullieren.
Der Film lässt seiner Protagonistin so viel Platz zum Spielen, dass er fast dokumentarisch wirkt. Wie macht Sean Baker das? Anora ist eine lebendige, vielschichtige, kämpferische junge Person im Kontext einer komödiantischen Darstellung der harten Realität.

HYPNOSE (Ernst De Geer)
Ich weiß nicht warum, aber ich habe lange nicht so viel im Kino geweint, wie bei diesem Film. Im Vorfeld habe ich skeptisch einen Toni Erdmann Vergleich gelesen, der absolut bestätigt wurde. Hypnose zeigt eine, von den Zwängen der Start up- und Tech-Industrie, ihrer Mutter und der Gesellschaft erdrückte Frau bei ihrem Ausbruch. So cringe wie berührend und tragisch. Und am Ende einfach wunderschön. Gespielt übrigens von Asta August. (Erinnern Sie sich noch an Triangel of Sadness? An den ersten Teil, Im Restaurant und im Hotelzimmer (oder war das eine Wohnung?)? Daran hat mich der Ton des Films auf jeden Fall auch erinnert.)

VENA (Chiara Fleischhacker)
Tja, einfach ein Schatz, dieser Film. Emma Nova und Paul Wollin spielen so echt, so lebendig und so ergreifend leise, als wäre Lisa Jilg mit ihrer Kamera gar nicht dabei. Wo sie aber mit Sicherheit dabei war, ist die Geburt des Babys von Lara, dem „Geburtsdouble“. Durch den Schnitt sieht die Geburt aus wie von Jenny, der Protagonistin von Vena, gespielt von Emma Nova. Jenny ist eine weiche, liebevolle Figur, die mit vielen Steinen zu kämpfen hat, die ihr in den Weg gelegt werden. Vena geht am Mittwoche auf Kinotour, da müssen Sie hin! Besonders achten sollten Sie auf das Szenenbild, da steckt nämlich auch so viel Liebe und Arbeit drin, das weiß ich weil ich ein Teil davon sein durfte.

Eine Antwort zu „Lately im Kino“

  1. Avatar von softlypoliteae2640c7a4
    softlypoliteae2640c7a4

    Danke für die Tipps! Hypnose muss ich unbedingt noch anschauen. Und hätte nicht gedacht, dass Tilda Swinton so lustig sein kann – als sie so theatralisch in ihrem Nachthemd hereinschwebt, hat es mich zerrissen

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