
Heute soll es um das Solei gehen.1 Die Geschmacksexplosion für die schmale Mark! Der Kaviar der kleinen Frau! Selten hat es eine Speise gegeben, die nicht nur den alkoholgetränkten Magen am Tresen verwöhnt, sondern auch als erstklassiger Snack am Nachmittag überzeugt. Außerdem gilt das Solei als Königin der zum Frühstücksverzehr trendenden Eispeisen und lässt ihre Konkurrenz geschmacklich, wie optisch erblassen.
Auf jeden Tresen und in jeden Kühlschrank gehört ein Glas Soleier, meine Meinung.
Aber was ist denn nun ein Solei, fragt sich die aufgeregte Leserin. Im Prinzip sind Soleier hartgekochte, in Salzlake eingelegte Hühnereier. Sie werden in großen Einmachgläsern aufbewahrt und sind durch die konservierende Salzlake lange haltbar. Versteht sich von selbst, dass ein in Salzlake eingelegtes Ei an sich schon lecker ist. Wo doch jede herkömmliche Eispeise zunächst gesalzen werden muss um ihren geschmacklichen Sollwert zu erreichen. Das Beste am Solei: die Salzlake bietet nur die Basis, auf die aufbauend jetzt mit weiteren geschmacksgebenden Fillern und Toppings gearbeitet wird!
Hierzu wird das Solei zunächst der Länge nach aufgeschnitten. Die jeweils halben Dotter werden aufgestellt, wie zwei kleine Segel, vor denen sich nun jeweils eine Mulde auftut. In diese wird nun nacheinander gefüllt:
- ein Schuss Olivenöl
- ein etwas kleinerer Schuss Balsamico Essig
Nun wird’s präzise und dekorativ: auf die Segel drauf wird nun ein kleines Häubchen Senf aus der Tube gedrückt. Anschließend wird das gesamte Schiffchen nach Gefühl mit Salz und Pfeffer bestreut. Nun sollte man miteinander anstoßen und das Schiffchen im Ganzen verspeisen. BOOM – Geschmacksexplosion! Der Balsamico Essig treibt den Eier Geschmack auf eine ganz neue Ebene, woraufhin der Senf als verfeinernder Star (eigentlich fast jeden Gerichts) seine ganz besondere Note hinzufügt… Das Olivenöl kontert diesem geschmacklichen Sturm mit bäumischer Ruhe und einem Gruß aus dem mediterranen Olivenhain. Es ist ganz normal, dass man direkt noch ein Solei essen möchte, ich denke, man kann gar nicht genug Soleier essen.
Bianca und ich in der Vorbereitung zum Solei kredenzen. Zunächst am Eier pellen…


Wir gehen nochmal das ganze Prozedere durch, dann schenken wir sie ein, die Lebenssäfte!


„Herrlich!“ Ruft Bianca mit wahrscheinlicher Sicherheit..
Ich kenne das Solei von meinem Papa, der traditionell zum Ostersonntag mehrere Soleier genießt. Während die Familie sich mit beiden Händen im Osterfrühstück befindet, baut Papa langsam die von ihm benötigten Solei Ingredients vor seinem Teller auf, was ihm auch zu Sichtschutz, also Privatsphäre verhilft. Ein Ei auf den Teller, dann erstmal wieder zurücklehnen, im Frühstückssessel und verharren. Mein Papa ist der König der Vorfreude. Wenn so langsam sämtliche Familienmitglieder aufgegessen haben geht es nun an die sezierende Arbeit der Solei Befüllung. Schon das Schälen des Eis stellt sich als sehr wichtig heraus, da es, unter Anwendung falscher Technik, beschädigt werden könnte. Sobald die Schiffchen aussehen, als würden sie jeden Moment auf der öligen Spur des leicht überlaufenden Olivenöls davon schwimmen, werden sie, eins nach dem anderen im ganzen weggeputzt. Es folgt Zufriedenheit, bis sich langsam das nächste Ei vorgeknöpft wird.
Dieser Performance habe ich jahrelang als Zuschauerin beigewohnt. Wie kann das schmecken, fragte mein dummes Kindergehirn, Ei mit Senf?!
Nach mehreren Jahren der immer gleichen Genuss Inszenierung seitens Papas und nachdem er mir schon oft anbot, doch wenigstens mal ein Schiffchen zu probieren, habe ich schließlich den Einstieg gefunden, in die Welt des Glücks. Als junge Teenagerin war ich auf Anhieb begeistert. So etwas leckeres hatte ich noch nicht geschmeckt. Fortan bestand das Osterfest für mich vorrangig daraus, Solei Schiffchen zu kredenzen und zu verspeisen. Papa und ich schaffen ungefähr gleich viele.2
Über die Herkunft des Soleis lässt sich natürlich nur spekulieren. Eine Theorie besagt, dass die Eier eingelegt wurden, um eine längere Haltbarkeit zu erzielen. Zur Winterzeit legen Hühner nämlich bekanntlich weniger Eier aber dank der Salzlösung konnten die Eier aus den Frühlings-, Sommer-, und Herbstmonaten haltbar gemacht, und folglich auch in der Winterzeit verspeist werden.3
Eine andere Theorie besagt, dass die Hühner während der Fastenzeit vor Ostern besonders fleißig Eier legen. Aufgrund des Fastens konnte die Eier jedoch niemand essen! Also wurden die ganzen Fasteneier in Salzlake konserviert und dann schön zur Auferstehung kredenzt.4
Sogar in Iowa (USA), kann zum Bud Light ein „Pickled Egg“ bestellt werden, wie Erfolgsschriftstellerin Stefanie Sargnagel in ihrem neuen Roman „Iowa“ berichtet.

Sommer 2023 in Leipzig: Anita hat zum Fireabend ein Glas Soleier vom Supermarkt mitgebracht <33
Glücklich essen wir die Delikatesse direkt aus dem Glas, mit kleinen Senffrisuren..


Nun folgt noch eine kleine Sammlung abgelichteter Soleier der letzten Jahre:
2021: Solei zu Besuch bei Zoe in Dresden. (Seit Zoe in die Kunst des Soleis eingeweiht wurde liebt sie es.) Auf dem Foto sieht man dass ich es eilig hatte mit der Herstellung..

2020: Solei bei meinen Eltern in Bremen. Es ist Corona Lockdown und ich versüße mir das Homeoffice mit diesen beiden kleinen Optimisten..
Auch lecker: Das „Maggiei“, hier aus der angesagten Szenebar „Spumante“ in Berlin. Man gießt einfach eine kleine Pfütze Maggi in die Dottermulden und abfahrt!


- Nicht zu verwechseln mit dem französischen Wort Soleil, was auf deutsch Sonne heißt. Wobei das Solei, neben der klassischen Assoziation des kleinen Segelbootes, tatsächlich an eine untergehende Sonne erinnert… ↩︎
- Der Richtigkeit halber muss ich an dieser Stelle erwähnen, dass mein Vater die hartgekochten Eier NICHT in Salzlake einlegte. Er hat mit dieser Tradition aus seinem eigenen Elternhaus wohl gebrochen und lediglich mit Fillern und Toppings gearbeitet. Lange wusste ich nicht, dass unser Solei also eigentlich gar kein Solei ist, was mich zugegebenermaßen irritierte. Gehörte das Solei als meine Lieblingseispeise doch zu meiner, sich neu bildenden Identität als junger Mensch. Nun kann ich meinen Papa aber auch verstehen; ich habe auch keine Lust, die Eier erst noch einzulegen, bis ich sie verspeisen kann. Allein das Kochen von 9 Minuten kann sich wie eine Ewigkeit anfühlen wenn man sich kurz vor der Soleiverspeisung wähnt. Zusätzlich denke ich, dass ein richtig ordentlich, wochenlang eingelegtes Ei geschmacklich sehr gut mit dem zu vergleichen ist, wie Papa und ich das Solei essen. ↩︎
- Quelle: Wikipedia ↩︎
- Quelle: Wikipedia ↩︎

Hinterlasse einen Kommentar