Franziskaner

Franziskaner

Im Urlaub habe ich eine Franziskanersucht entwickelt. Wenn ich nicht am Morgen einen Franziskaner frühstückte, war mein Tag gelaufen. An Urlaub war nicht mehr zu denken. Dann kroch ich selbstmitleidig in mein Zelt und schloss die Tür mit ihrem Reißverschluss.

Auf dem Zeltplatz wo ich war (keiner kennt ihn; es ist ein unbekannter Ort), gab es einen kleinen Laden, der morgens um 08:30h seine kleine Pforte öffnete. Es konnten dann Kühlakkus, plörriger Kaffee, Aufbackbrötchen und ungefähr 5 Franzbrötchen, die jetzt bei mir Franziskaner heißen, erworben werden.
Ich lehne niedliche Namen für Gebäck grundsätzlich ab, die nur dazu da sind, ihre Kund*innen bei ihrer Bestellung bloßzustellen. Zudem ist das Wort Brötchen ja eh schon ein ganz niedliches, da braucht es ja im gleichen Wort nicht noch eins. Franzbrötchen klingt mir jedenfalls zu niedlich. Wovon soll Franz die Abkürzung sein? Franzose? Ich nenne mein Franzbrötchen sicherheitshalber Franziskaner.
Manchmal hatte ich Glück, wenn ich um 08:30h, zu Ladenöffnung, schon in der Schlange stand. Ihr fragt euch sicher, warum jemand kinderloses im Urlaub um 08:30h überhaupt schon irgendwo steht. Ich habe durch meine Franziskanersucht nicht nur die Kontrolle über meine Laune, sondern auch über meine innere Uhr verloren. Mein Biorhythmus stand völlig im Dienst der Süßspeise und wachte des Morgens alarmiert und ohne Wecker um 08:25h auf. Dann hechtete ich richtung Laden und hoffte, auf dem Weg dahin niemanden zu treffen, um keine Zeit zu verlieren.
Viele standen einfach an, um sich ihre Emaille Becher mit der hellbraunen Kaffee Plörre auffüllen zu lassen oder normale Brötchen zu kaufen. Das waren mir die Liebsten. Die grüßte ich gerne und ich wünschte ihnen ein schönes Frühstück und einen schönen Tag. Am schlimmsten waren die Kinder, die direkt alle Franziskaner kauften, um jedem Kind auf dem Spielplatz einen abzugeben. Stand ich hinter so einem Kind in der Schlange, konnte es sein, dass ich ihm die Zange entwendete. Frei nach Motto die Stärkere gewinnt.


Mein Franziskaner und ich um ca 08:35h. Euphorisch wie ich bin habe ich auf diesem Foto bereits einen Seitenflügel intus.

Irgendwann wurde meine Mama co abhängig.
Nachdem ich eines morgens hinter einem kaufbereiten Kind in der Franziskanerschlange gestanden, und den Laden mit leeren, erhobenen Händen wieder verlassen hatte, verbrachte ich den Tag traurig und unterzuckert im Schlafsack vor meinem Zelt. Als meine Mama mich so vorfand war sie erschrocken. Ich war ja schließlich im Urlaub! Ich litt unter akutem Franziskanerentzug, erklärte ich ihr, und ich wollte für den Rest des Tages nicht mehr aufstehen. Zu diesem Zeitpunkt hätte ich nicht sagen können, ob ich jemals wieder aufstehen würde. (Das ich an diesem Tag zusätzlich stark an PMS litt und meine anstehende Periode sich bereits unangenehm in meinem ganzen Körper bemerkbar machte, hielt ich für unnötig zu erwähnen.)
Mama war alamiert. In den darauf folgenden Morgen, stand sie als Erste in der Schlange vor dem kleinen Laden und kaufte einen Franziskaner. Für mich. Wenn ich vorgelaufen kam, wedelte sie schon stolz mit der kleinen, fettigen, braunen Papiertüte, die mein Glück bedeutete.

Den letzten Franziskaner des Urlaubs zelebrierte ich in Form einer Zimtschnecke auf der Heimfahrt im Bus.
Jetzt habe ich schon seit 7 Tagen keinen Franziskaner mehr gegessen und auch schon einige Morgen wesentlich länger als bis 08:30h geschlafen. Ich denke ich bin geheilt. Meine Mama hoffentlich auch.

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